Unsere Forderungen

Unsere Forderungen: Wichtigste Zukunftsbaustelle! Mehr Zeit, mehr Platz, mehr Zuwendung und bessere Bildungs-, Betreuungs- und Freizeitangebote für die junge Generation

Hier finden Sie die Kurz-und die Langfassung unseres Papiers zur Kindergesundheit.

Politik und Verwaltung, Schulen und Gesundheitswesen sowie alle Akteure, die mit Kindern und Jugendlichen oder jungen Erwachsenen befasst sind oder mit ihnen arbeiten, sind nun gefordert, alles in ihrer Macht und Kraft Stehende zu veranlassen, damit die vielfältigen gesundheitlichen, sozialen und entwicklungspsychologischen Negativfolgen abgemildert und, soweit irgendwie möglich, bewältigt werden.

Der IMA-Bericht fordert eine „gesamtgesellschaftlichen Anstrengung, um ein gesundes Aufwachsen für alle Kinder und Jugendliche zu ermöglichen“. Es gelte „zu verhindern, dass sich psychische und körperliche Belastungen und Erkrankungen manifestieren und damit die Bildungs- und Teilhabechancen eines Teils der jungen Generation dauerhaft beeinträchtigt werden“.

Daher ist die zentrale Frage, die jetzt zu stellen ist und deren Beantwortung keinen weiteren Aufschub duldet: Was brauchen die Kids, was brauchen die, die sie betreuen, fördern und unterstützen, also Eltern, Erzieher, Lehrer, Schulsozialpädagogen, aber auch Musikschulen, Schülerläden, Sportvereine, Jugendorganisationen, welche weiteren Akteure müssen ins Boot?

 Mehr Zeit

 Zeit heilt angeblich alle Wunden. Auch wenn das sicherlich nicht 100%ig zutrifft, so ist ein ganz wesentlicher Ansatzpunkt, insbesondere zur Linderung der stark verbreiteten psychischen Leiden, wenn Kindern und Jugendlichen mehr Zeit verschafft wird:

Zeit um aufzuholen – z.B. Lernrückstände. Das geht aber nicht, wenn der Rest der Klasse in ungemindertem Tempo weiter“rast“. Manche Kinder hatten viel Unterstützung von zu Hause, andere wenig. Manche Kinder sind besser mit dem Alleinsein klargekommen, andere weniger.

Es ist wichtig, die Kinder und Jugendlichen, die verloren gegangen sind, im Klassenverband zu halten – wenn es ihnen guttut. Schule muss in dieser Zeit (wieder) deutlich mehr auf diese menschlichen Aspekte des Miteinanders achten und weniger auf Notenproduktion fixiert sein.

Zeit um nachzuholen – soziales Miteinander, Spiel, Spaß nicht gemachte Entwicklungsschritte. Deswegen sollten die Schulen ihren regulären Unterricht zurückfahren und Freizeit- und Nachmittagsangebote ausbauen – insbesonderen in den Bereichen Musik, Kunst, Sport und spielerische Bewegung. Vor allem die Länder müssen hierfür die Weichen stellen.

Der Berliner Senat sollte zur Kenntnis nehmen und endlich proaktiv damit umgehen, dass ohnehin viel zu viel Unterricht ausfällt. Viel zu oft ist dieser ausfallende Unterricht „tote“ Zeit, den Schülern werden Filme vorgespielt oder sie daddeln am Handy. Daher sollten Fächer wie Musik, Kunst und Sport statt in regulärer Form am Vormittag als Zusatzangebote am Nachmittag angeboten werden – eine Benotung könnte vorübergehend in freiwilliger Form erfolgen. Die staatlichen Musikschulen, die Jugendkunstschulen sowie die Sportvereine können hier eine wichtige Stütze sein und die personell chronisch unterbesetzten allgemeinbildenden Schulen entlasten.

Diese Überlegungen sollten keinesfalls nur für Kinder bis 12, sondern vor allem auch für Schüler*innen der weiterführenden Schulen angestellt werden, denn gerade diese leiden häufiger unter Gesundheitsproblemen und problematischem Konsumverhalten.

Auch die Eltern brauchen Erholungszeit. Helfen würden eine funktionierende Kinderbetreuung und Schulen, in denen nicht dauernd Unterricht ausfällt, so dass die Kinder morgens statt zur ersten plötzlich erst zur dritten Stunde erscheinen sollen. Auch stehen nicht wenige Eltern infolge des Unterrichtsausfalls verstärkt vor der Anforderung, den in der Schule nicht vermittelten Stoff mit ihren Kindern nachzuholen. Das schaffen aber bekanntlich nur die weniger bildungsfernen Haushalte, in denen mindestens ein Elternteil nicht voll berufstätig ist.

Ferienprogramme, die nicht nur einseitig das Nachholen von Bildungsstoff vermitteln, sondern auch  Spiel-, Sport-, Musik- und oder Kreativangebote enthalten, sollten deutlich ausgebaut werden.

 Mehr Raum

Bewegungsangebote, Sport- und Spielangebote, Kunst- und Kreativangebote, Musik machen und Singen sollten ausgebaut werden. Die Notwendigkeit dieser Aktivitäten für eine gesunde soziale Entwicklung unserer Kinder ist auch ohne Corona wiederholt von staatlicher Seite mehrfach betont worden (Bsp.: Kinder zum Olymp! Initiatoren: Kulturstiftung der Länder, Bundeszentrale für politische Bildung, FN 8). Dazu braucht es vielfältiger wohnortnaher Orte, um das Angebot auszubauen. Musikschulen, Jugendkunstschulen und Sportvereine bieten professionelle Strukturen, um den Kindern ein breitgefächertes Angebot in der Schulwoche anbieten zu können. Sie alle haben aber oft Raumprobleme, hier müssen schnelle Lösungen erarbeitet werden!

Die allgemeinbildenden Schulen bieten in der Regel die besten standortbezogenen Raummöglich­keiten, weitere Räume – z.B. die vielen seit der Pandemie leerstehenden Gewerbeeinheiten!? – sollten erschlossen werden.

Was im Land Berlin bisher fehlt, ist ein bezirkliches Raummanagement, um den Kindern einen optimalen Zugang zu bestehenden und zusätzlich zu schaffenden Angeboten zu ermöglichen, sei es während oder nach dem regulären Schulunterricht.

Kampf dem Personalmangel

Heranwachsende brauchen stabile und verlässliche soziale Beziehungen, zu Peers, aber auch zu Lehrern, Betreuern, Erziehern, pädagogischem Personal. Der in der Coronazeit verstärkten Tendenz zu instabilen Arbeitsverhältnissen im Bereich Bildung und Betreuung und damit verbundenen häufigen Wechseln ist entgegenzuwirken!

Dauerhafte oder zumindest langfristige Beschäftigungsverhältnisse bei Erziehern, Schulsozialpsychologen etc. sind anzustreben. Gleiches gilt für die Musikschullehrkräfte, die bpw. in  Berlin oft keine dauerhafte und ausreichende Finanzierung haben und von denen es zuwenig gibt, während gleichzeitig die Musikschulen nach dem Ende der Pandemie überrannt werden.

Schulen können nicht alles richten – schon gar nicht angesichts des Personalmangels

Die Schulen waren schon vor der Coronazeit mit zu vielen Aufgaben, die nur gesamtgesellschaftlich zu lösen sind, überfrachtet. Die zusätzlich entstandenen Defizite und Schäden bei Kindern und Jugendlichen können sie nicht alleine „beheben“.

Noch dazu sind die Schulen in einer äußerst schwierigen Lage angesichts des – ebenfalls schon vor Corona bestehenden, in der Coronazeit noch größer gewordenen Personalmangels.

Eine zusätzliche Chance könnte darin bestehen, Freiwilligendienste und Ehrenamtliche mit ins Boot zu holen. Oder wie ein Beispiel aus Schleswig-Holstein, wo die Gemeinde dafür zahlt, dass Übungsleiter aus örtlichen Vereinen Sportunterricht geben (FN 9).

Tagesstrukturen

Für Kinder bzw. Jugendliche an den höheren Schulen geht der Unterricht viel zu lange. Oft wird kein Mittagessen an den Schulen eingenommen, wofür es vielfältige Gründe zu geben scheint. Dazu gehört, dass Pausen zu kurz, Schlangen zu lang, Kosten zu hoch sind oder das Geld für Süßigkeiten und Knabberspaß ausgegeben wird, was bedauerlicherweise im Angebot vieler Schulcafeterien enthalten ist. Statt „Gesundheit“ als weiteres zusätzliches Schulfach anzubieten, wie derzeit diskutiert wird, sollten die Schultage daraufhin überprüft werden, inwieweit sie ausreichend Bewegung, auch an der frischen Luft, sowie eine gesunde Ernährung ermöglichen. Hier gibt es noch viel zu tun!

Weil der viele Unterricht, der in den Lehrplänen vorgesehen ist, ohnehin nicht erbracht werden kann, und weil die Kinder und Jugendlichen Zeit zum Nachholen brauchen, wird der Berliner Senat hiermit aufgefordert, die Lehrpläne deutlich zu entschlacken und auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dies gilt insbesondere für die weiterführenden Schulen / Gymnasien. Kurz: Mehr Konzentration auf Kernthemen im Vormittagsbereich, dafür deutlicher Ausbau von Sport-, Musik- und Kreativangeboten sowie gemeinsamen Erlebnissen im Nachmittagsbereich.

Für Schüler/innen mit Nachholbedarf und Lernlücken darf kein 8-Stunden-Schultag plus Nachhilfestunden herauskommen. Für alle Schüler muss ausreichend Zeit für Hobbys, Bewegung und soziales Miteinander bleiben. Der Personalmangel  bei Lehrern und Erziehern darf nicht dazu führen, dass der Unterricht willkürlich über den ganzen Tag verteilt wird und die SchülerInnen zwischendurch wenig anderes tun (können) als daddeln.

Ferienprogramme zum Nachholen von Unterrichtsstoff sollten immer auch Sport- und Kreativangebote zum Ausgleich enthalten.

An allen Gymnasien sollte die Rückkehr zum 13. Schuljahr erwogen werden. Die Reduzierung auf G8 hat wesentlich dazu beigetragen, die tägliche Unterrichtszeit für Kinder und Jugendliche auf ein vollkommen ungesund langes Maß auszuweiten.

Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung in den Blick nehmen

Die Digitalisierung der Schüler/innen wird in den Medien teilweise als einziger positiver Effekt der Schulschließungen dargestellt. Ohne Frage sollten Jugendliche einen medienkompetenten Umgang mit Digitalgeräten und -Programmen (neudeutsch Apps) an den Schulen erlernen. Noch wichtiger und sinnvoller ist das Erlernen von Programmiersprachen und die Fähigkeit, Technik selbstbestimmt zu nutzen, statt sich getriggert durch soziale Medien zu wischen. Eine allzu frühe Digitalisierung ist aufgrund der damit wissenschaftlich belegten negativen Folgen eindeutig abzulehnen.

Gleichermaßen sollten Smartphones und Tablets auch so weit wie möglich aus dem Schulalltag verbannt werden, denn jeder Kontakt mit den Geräten bietet die Gelegenheit, auch nochmal schnell eine WhatsApp-Nachricht zu schreiben, ein Video zu schauen und „hängen zu bleiben“.

Es gibt viele Berichte darüber, dass an Schulen, wo Lehrermangel ist, Videos und Filme den Ausfall von Unterricht kompensieren.